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Sommerlektüre, die zweite

Und hier folgt Teil 2 meiner Empfehlungen für eine gute Sommerlektüre, die natürlich auch für den Herbst und Winter oder das Frühjahr des kommenden Jahres gilt! 

 

Zwei kritische Blicke auf die Corona-Zeit 

Mehrfach wurde in den vergangenen Monaten angemahnt, die Corona-Zeit mit all ihren Maßnahmen und Einschränkungen gründlich aufzuarbeiten. Die geleakten RKI-Files waren dafür ein Anfang. Jetzt liegen zwei Bücher vor, die jedes auf seine Art einen wichtigen Beitrag zu dieser dringend nötigen Aufarbeitung leistet. 

Das erste stammt von Bastian Barucker, der mit seinem YouTube-Kanal schon in der Corona-Zeit immer wieder wertvolle Informationen lieferte und auch an der Veröffentlichung der RKI-Files beteiligt war. Sein Buch fasst verschiedene Beiträge zur diesen Corona-Protokollen des Robert Koch Instituts zusammen. Es ist eine Sammlung von Beiträgen verschiedener Autorinnen und Autoren, die eine kritische Sicht auf Lockdowns und Impfpficht-Versuche, auf Schulschließungen und Grundrechtseinschränkungen eint. Dazu gehören neben Bastian Barucker selbst die Journalistin Aya Velázquez (sie hat am 24. Juli 2024 die geleakten RKI-Protokolle ungeschwärzt veröffentlicht), der Journalist und Mitherausgeber des Online-Magazins "Multipolar" Paul Schreyer (der als erster in einem jahrelangen Rechtsstreit die Herausgabe und Entschwärzung der RKI-Protokolle eingefordert hat), der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, die WELT-Redakteurin Elke Bodderas, Neurowissenschaftlerin Valeria Petkova, die Wissenschaftler Prof. Dr. rer. nat. habil. Oliver Hirsch und Dr. med. Kai Kisielinksi, der Kinderarzt Dr. Alexander Konietzky (Ärztlicher Geschäftsführer der “Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.”, die Biologin Sabine Stepel, der frühere Nachrichtenchef der “Berliner Zeitung” und heutige Chefredakteur des “Nordkurier” Philippe Debionne, die Journalistin Ruth Schneeberger (2020-2025 Ressortleiterin Gesundheit bei der “Berliner Zeitung”, zuvor 15 Jahren lang bei der Süddeutschen Zeitung tätig), der Professor für Öffentliches Recht, Medien- und Telekommunikationsrecht Volker Boehme-Neßler, der Rechtsanwalt Sebastian Lucenti und die ehemalige Richterin Franziska Meyer-Hesselbarth sowie die Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung Frauke Rostalski, seit 2020 Mitglied des Deutschen Ethikrates, wo sie zu den vier Mitgliedern gehörte, die in der Ethikrat-Stellungnahme gegen eine erweiterte Impfpflicht gestimmt haben. 

Schon diese illustre Liste zeigt, dass in diesem Buch das Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet und der Kenntnisstand aus unterschiedlicher Warte analysiert und eingeschätzt wird. Es ist ein Buch, dem man eine weite Verbreitung wünscht. Dass es bisher von den Medien weitgehend totgeschwiegen wird, spricht für sich. 

Bastian Barucker (Hrsg.): Vereinnahmte Wissenschaft 
Die Corona-Protokolle des Robert-Koch-Instituts 
252 Seiten, Softcover 
Massel Verlag, 22,90 Euro 

Das zweite Buch stammt aus der Feder von Anders Tegnell, Arzt und Infektionsspezialist und von 2013 bis 2022 Staatsepidemiologe bei der schwedischen Behörde für öffentliche Gesundheit (bei der Abfassung des Buches wurde er unterstützt von der Journalistin Fanny Härgestam). Tegnell war maßgeblich verantwortlich für den “schwedischen Weg” durch die Corona-Zeit. Sein Hauptmotiv dabei: Eigenverantwortung statt Zwang. Tegnell selbst sagt dazu: “Wir verließen uns auf die schwedische Praxis der Freiwilligkeit und Eigenverantwortung, statt auf feste Regeln zu setzen. Wir wollten die Schwedinnen und Schweden langfristig und dauerhaft schützen. Die vorgeschlagenen Maßnahmen mussten zu unserer heterogenen Gesellschaft passen, vom dicht besiedelten Stockholm bis zu den dünn besiedelten Regionen Norrlands. Das ist für mich besonders wichtig. Ich glaube nicht an ‘one size fits all’.” 

Tegnell stellt darin dar, wie und warum er zu seiner Linie kam, wo auch er Fehler gemacht hat und welchen Fragen er sich stellen musste. Er zeigt auf, welchen Mut es erforderte, aber auch wie viel Gelassenheit, Langmut und Stehvermögen, gepaart mit wissenschaftlicher Aufrichtigkeit, um Schweden erfolgreich durch diese schwierige Zeit zu manövrieren. Dieses Buch sei deshalb vor allem all denjenigen eindringlich ans Herz gelegt, die den Erfolg des schwedischen Weges bezweifeln, die Anders Tegnell nicht nur einmal als leichtfertig und unverantwortlich diskreditiert haben. Sie werden sehen, dass er alles andere als ein Luftikus war. Er hat sich lediglich nicht ins Bockshorn jagen lassen von unbewiesenen Behauptungen, und er wusste, dass Angst der schlechteste Ratgeber ist, vor allem in Krisensituationen. Sein Weg war der des Vertrauens in die Eigenverantwortung der Menschen. Dass das Land damit letztlich viel besser durch die Corona-Zeit gekommen ist als die meisten anderen in Europa, zeigt, dass er Recht hatte. Deutschland hätte sich daran ein Beispiel nehmen sollen. 

Anders Tegnell mit Fanny Härgestam: Der andere Weg. 
Eigenverantwortung statt Zwang: Wie Schwedens Chef-Epidemiologe die Pandemie zähmte 
288 Seiten, Hardcover
Benevento Verlag, 26 Euro

 

Erinnerung an eine mutige Frau 

Es ist der Urenkel, der mit diesem Buch seiner Urgroßmutter ein Denkmal setzt: Henning Sußebach, geborten 1972, mehrfach preisgekrönter Redakteur bei der Wochenzeitung DIE ZEIT, erinnert damit an Anna Kalthoff (1866–1932). Sie wurde 1887 als neue Lehrerin in ein gottverlassenes Nest im tiefsten Sauerland versetzt. Aufgrund ihrer unkonventionellen Art stößt sie rasch an Grenzen und findet erst über einige Umwege und Hindernisse zu ihrem Lebensglück. 

Gut 150 Jahre später rekonstruiert Sußebach anhand von Fotos, Poesiealben, Postkarten, einem Kaffeeservice und einem Verlobungsring die Geschichte seiner Urgroßmutter. Er kombiniert die bruchstückhaften Erinnerungen mit historischen Ereignissen, die in diesen Jahrzehnten das Leben in Deutschland und der Welt geprägt haben. Auch wenn vieles an dieser Schilderung zwangsläufig fiktiv bleiben muss, so entsteht doch ein anschauliches Kaleidoskop, das nicht nur eine mutige, ungewöhnliche Frau portraitiert, sondern gleichermaßen auch ein Sittenbild der Gesellschaft ihrer Zeit abgibt. 

Henning Sußebach: Anna oder: Was von einem Leben bleibt
Die Geschichte meiner Urgroßmutter
205 Seiten, Hardcover
C.H. Beck Verlag, 23 Euro

 

Eine bewegende Geschichte aus der Nachkriegszeit, brillant erzählt 

Es sind oft die düsteren Zeiten, die die bewegendsten Geschichten hervorbringen. Susanne Abel, die schon mit ihren beiden Bestsellern “Stay away from Gretchen” und “Was ich nie gesagt habe” Furore gemacht hat, legt nun ihren dritten Roman vor. Auch er befasst sich mit einem bislang weitgehend totgeschwiegenen Kapitel deutscher Geschichte: dem Schicksal von Heimkindern und Kriegswaisen in der deutschen Nachkriegszeit. Viele wissen nichts über ihre Herkunft, sie sind verloren in all den Trümmern, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat. 

Susanne Abel erzählt in der ihr eigenen unmittelbaren und mitten ins Herz treffenden Art die Geschichte von zwei solchen Waisenkindern von 1945 bis heute. Sie schildert unverblümt die katastrophalen Zustände in den Kinderheimen mit ihrer schwarzen Pädagogik, mit unsäglichen Strafen bei harmlosesten Verstößen gegen Disziplin und Verbote. Es ist kaum zu ermessen, wie groß das Leid dieser Kinder war und wie sehr sie auch noch im Erwachsenenalter darunter gelitten haben müssen, meist im Verborgenen, voller Scham über das Erlebte und die damit verbundenen Erniedrigungen. Und kaum zu ermessen ist auch, in welch großem Maß sich all das auf die nachfolgenden Generationen ausgewirkt haben muss und bis heute auswirkt. 

Bleibt zu wünschen und zu hoffen, dass Susanne Abel damit ein Tor aufgestoßen hat, damit die heutige Töchter- und Söhne- bzw. Enkelgeneration bei ihren Eltern und Großeltern nachgräbt und durch Anteilnahme und Interesse dazu beiträgt, dass dieses düstere Kapitel aufgearbeitet wird und die Betroffenen aus ihrem Schweigen erlöst werden. 

Susanne Abel: Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
544 Seiten, Hardcover
dtv, 24 Euro 

 

Anschauliche Innenwelt 

Mit ihrem Bestseller “Darm mit Charme” hat die Ärztin Giulia Enders schon vor über zehn Jahren einen Überraschungs-Bestseller mit Millionenauflage geschrieben – damals noch als 23-Jährige Studentin. Mit ihrem unbekümmert-direkten Schreibstil nahm sie diesem zentralen Organ unseres Körpers den Nimbus des schamhaft Verschwiegenen und rückte es in seiner Bedeutung für den ganzen Organismus an die richtige Stelle. Jetzt hat Enders erneut zur Feder gegriffen und sich allem Organischen gewidmet, das unseren Körper ausmacht. 

Dazu schreibt sie selbst im Vorwort: “Den Körper zu verstehen nützt nicht nur, um Krankheiten vorzubeugen. Unsere Organe haben einen wesentlichen Anteil daran, was es heißt, wir selbst zu sein. Sie beeinflussen zentrale Fragen, etwa: Was brauchen wir wirklich? Wie gehen wir mit Bedrohung um? Auf welche Weise wollen wir einander behandeln? Oder auch: Was können wir leisten und auf welchem Weg? Verstehen wir die Antworten des Körpers besser, können wir ein stimmigeres Leben führen. (…) Egal, wie laut die Welt um uns herum ist, ob sie auf Klicks basiert, auf Nullen und Einsen und auf nichts dazwischen, es ändert nichts an unserem innersten – wir sind organische Wesen. Verbunden über Fasern, verweben wir die Fähigkeiten der Organe zu einer einzigartigen Lebendigkeit. Wir erfinden uns andauernd neu, formen uns um und bleiben gleichzeitig Millionen Jahre alt. Es gibt eine Stimme, die uns an all das erinnert. Ihre Sprache zu sprechen macht uns zu Ureinwohnern unseres Selbst: Organisch." 

Und wie schon in “Darm mit Charme” lässt Enders durch viele, locker aufbereitete Geschichten über unsere Innenwelt die Leserin und den Leser staunen über das die Wunderwelt des Menschen, die sich in unserem Körper auftut. Über das fein abgestimmte Zusammenspiel, die unendlich vielen Verflechtungen, die komplexe Kommunikation zwischen Geweben, Blut und Nerven, zwischen Sinnen, Muskeln und Organen. Sie öffnet damit einen Blick auf das Wesentliche: auf die Ganzheit des Menschen, der so viel mehr ist als die Summe seiner Teile. 

Allerdings berücksichtigt Giulia Enders hier nur einen Teil der Organe, konkret geht es ihr um die Lunge, das Immunsystem (das nicht wirklich ein Organ ist), die Haut, die Muskeln (auch sie fallen nicht unter den strengen Begriff eines Organs) und das Gehirn. Das tut der Lektüre jedoch keinen Abbruch, findet Enders doch in dem ihr eigenen leichtfüßigen Stil einen guten Weg, den Menschen nahezubringen, wie wichtig der Körper für ihr Befinden ist, nicht nur physisch, sondern ebenso psychisch und geistig. Und so lernen wir einmal mehr ein Staunen über die Komplexität und das wundersame Zusammenwirken unseres Organismus. Wie sie so schön in ihrem Vorwort sagt: “Ein Blick auf den Körper half mir, Mensch zu sein.” Möge es vielen anderen ebenso ergehen. 

Giulia Enders: Organisch
336 Seiten, Hardcover
mit Illustrationen von Jill Enders 
Ullstein Verlag, 24,99 Euro

 

Thomas Mann, mal anders 

Anlässlich des 150. Geburtstages von Thomas Mann gab es so einige Bücher. Eines der interessantesten davon ist die romanhafte Schilderung der jungen Jahre des Nobelpreisträgers für Literatur von Heinrich Breloer, der sich schon im Rahmen seiner Thomas-Mann-Verfilmung von “Die Buddenbrooks” und der Familiengeschichte “Die Manns” als Experte für diesen Schriftsteller empfohlen hat. Sein neues Werk “Ein tadelloses Glück” beschäftigt sich nun mit den jungen Jahren Thomas Manns, mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die für seine versteckte Homosexualität und die Verbindung mit Katja Pringsheim maßgeblich war. 

Breloer bringt uns dabei in diesem fiktiven Roman, der auf einer sorgfältigen Analyse der verschiedenen Quellen beruht, die uns heute über das Leben Thomas Manns zur Verfügung stehen (darunter auch die Tagebücher von Katjas Mutter, der Schauspielerin Hedwig Pringsheim), einen Menschen nahe, der zerrissen war zwischen seiner Neigung zum gleichen Geschlecht, über die er mit niemandem sprechen konnte, und den bürgerlichen Zwängen seiner Zeit – Homosexualität war damals ein absolutes Tabu, ein pathologisiertes No-Go. Seine Neigungen musste Thomas Mann deshalb hinter einer kühlen Unnahbarkeit verstecken, nur in seinem literarischen Werk durfte er sie – mehr oder weniger verklausuliert – offenbaren. Dennoch, so sagte Breloer bei der Buchvorstellung Mitte Mai in Hamburg, war es ein riskanter “Ritt auf der Rasierklinge”. 

Dass er trotzdem um Katja Pringsheim warb, lag an der herben Androgynität dieser Frau, an ihrer tiefen Stimme, und natürlich auch an ihrer Klugheit. Natürlich wusste sie um seine Neigung, natürlich war ihr klar, dass er trotz der fünf Kinder bei jedem schönen Jüngling schwach wurde und dennoch wusste, dass es nie möglich sein würde, eine solche Liebe zu leben. Katja wusste, dass sie nie solche Gefühle in ihm würde auslösen können, und trotzdem hielt sie ihm die Treue, managte sein Leben, damit er schreiben konnte. Denn die Literatur war sein Ventil, um nicht an den unterdrückten Gefühlen ersticken zu müssen. 

Und so wird deutlich, dass dieses Glück zwischen Katja und Thomas Mann nur äußerlich ein tadelloses war, und dass beide – Thomas Mann selbst ebenso wie Katja – dafür einen hohen Preis bezahlt haben, bis hin zur Selbstverleugnung. Gerade deshalb ist dieses Buch eine lohnende Lektüre. 

Heinrich Breloer: Ein tadelloses Glück
Der junge Thomas Mann und der Preis des Erfolgs 
464 Seiten, Hardcover
DVA, 26 Euro 

 

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Sommerlektüre, die erste

Das Frühjahrsprogramm der Verlage hatte es in sich – eine ganze Reihe von spannenden Neuerscheinungen gibt es da zu bestaunen. Hier eine Zusammenfassung in zwei Teilen der Bücher, die mich am meisten interessiert und auch begeistert haben. 

 

Die Verletzlichkeit der Erinnerung 

Sie ist eine der bekanntesten und wichtigsten italienischen Schriftstellerinnen unserer Zeit: Dacia Maraini. Geboren 1936 in Fiesole, aufgewachsen in Japan und Sizilien. Über diese besondere Zeit ihrer Kindheit in Japan, wohin die Eltern, bekennende Antifaschisten, 1938 wegen Mussolinis Repubblica di Salò emigriert waren, hat sie jetzt ein autobiografisches Buch geschrieben. Über einerseits die Sicherheit und Geborgenheit in der Familie und das Aufwachsen in einer uralten Kultur, was dazu führte, dass Dacia perfekt den Dialekt Kyotos sprach. Und andererseits über die Grausamkeit, die Erniedrigung, den Hunger, die Kälte und die Gewalt in einem japanischen Internierungslager, in das die Familie aufgrund des Dreimächtepakts zwischen dem faschistischen Italien, Nazi-Deutschland und Japan zusammen mit der kleinen italienischen Gemeinschaft 1943 geworfen und erst 1946 nach Kriegsende befreit wurde. Um dieses Lager zu umgehen, musste man die faschistische Regierung schriftlich anerkennen, ansonsten wurde man als Vaterlandsverräter in einem Konzentrationslager in Nagoya interniert. Drei traumatisierende Jahre voller Entbehrungen, über die Dacia Maraini all die Jahrzehnte über geschwiegen hatte und erst jetzt die Kraft fand, darüber zu schreiben. 

Und so stellt sie dem Ganzen ein eigenes Gedicht voran, das all den Schmerz zeigt, mit dem sie in den nunmehr 88 Jahren ihres Lebens gerungen hat: 

"Mein Leben, du bist mir misslungen
hast mich gequält, 
warst verquer,
würdest gerne gehen,
grußlos, einen Fuß nach vorn
und einen zurück, mein Leben, 
du tanzt und singst,
auf den Ruinen der Vergangenheit …
Aber bevor du gehst,
lass dich verstehen,
lass dich spüren,
lass dich umarmen,
lass dich erzählen." 

Es ist ein ungemein bewegendes Buch voller schmerzhafter Erinnerungen, das Dacia Maraini hier geschrieben hat. Ein Buch, das kaum vorstellbare Grausamkeiten schildert, worauf sich auch der Titel bezieht: Jeder Erwachsene im Lager musste pro Tag einen halben Löffel Reis an die Kinder abgeben. Nicht selten waren Ameisen das einzige, womit der Hunger allenfalls für kurze Zeit besänftigt, aber nie gestillt werden konnte. Dacia Marainis tiefes Mitgefühl mit allen Unterdrückten und Gefangenen, vor allem den Frauen, hat hier seinen Ursprung genommen. Wer Dacia Marainis literarisches Werk verstehen will, muss dieses Buch lesen. 

Dacia Maraini: Ein halber Löffel Reis.
Kindheit in einem japanischen Internierungslager. 
Übersetzung: Ingrid Ickler 
239 Seiten, Hardcover
Folio Verlag, 25 Euro

 

Tabuisiertes Leben 

Es ist eines der größten Tabus, das bis heute fortbesteht: Kinder, die während des Krieges und auch noch  “unerlaubt” gezeugt worden sind, zwischen deutschen Frauen und Zwangsarbeitern oder Soldaten der Alliierten während des Zweiten Weltkrieges und in der Zeit der Besatzung. Versteckt, verachtet, verprügelt und beschimpft. Kinder, die nicht wussten und nicht verstanden, warum sie derart als Aussätzige geschmäht wurden. 

Jetzt hat Monika Dittombée, geboren 1976, diesen Kindern eine Stimme gegeben. In ihrem Buch erzählt sie ihre Lebensgeschichten und holt sie damit aus der Tabuzone. Es sind bewegende Lebenswege, deren Prägung sich in den Überschriften zeigt: “Ich war der Bastard von der Alb” oder “Wir, die menschlichen Blindgänger des Zweiten Weltkriegs”. Monika Dittombée öffnet damit eine Möglichkeit, all die mit dem Tabuisieren verbundenen Verletzungen zu heilen, das Leid zu verstehen und Frieden zu schließen mit dem, was war, ohne es zu entschuldigen. Es ist ein Buch, das gerade in Zeiten wie diesen so wichtig ist, wo Krieg wieder in den Bereich des Möglichen rückt und damit auch Schicksale wie diese wieder alltäglich zu werden drohen. 

Monika Dittombée: Schattenschicksale. 
Lebenswege der Kriegskinder aus verbotenen Beziehungen – Geschichten des Überlebens
224 Seiten, Hardcover
Kösel Verlag, 22 Euro 

 

Ein wichtiger Dialog

Noch ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, das wie so oft jetzt ans Licht kommt, weil jemand in der Corona-Zeit den Dachboden oder Keller aufgeräumt und dabei eine Kiste mit brisantem Inhalt entdeckt hat. In diesem Fall war es ein Karton mit Briefen des berühmten Schauspielers Will Quadflieg an seine Frau Benita, die Tochter Roswitha 2011 nach dem Tod ihrer Mutter an sich nahm, aber erst in der Zeit des Lockdowns genauer untersuchte. Es waren 476 Briefe, geschrieben zwischen Januar 1934 und September 1946 sowie ein Tagebuch mit Aufzeichnungen zwischen März 1945 und September 1946, die an die geliebte Frau in der Ferne gerichtet sind. 

Roswitha, jüngstes der fünf Kinder von Will und Benita Quadflieg, eine bekannte Schriftstellerin und Buchgestalterin, konstruiert nun aus diesem Tagebuch und den Briefen einen Dialog mit dem 2003 verstorbenen Vater, den sie zu Lebzeiten nie geführt hat. Für alle, deren Eltern über die Nazi-Zeit nie gesprochen oder vielleicht auch nie ehrlich gesprochen haben, ist dieses Buch ein Muss. Und ebenso für die Enkel-Generation, die nicht mehr mit diesen Großeltern sprechen können, weil sie längst verstorben sind. Es ist gerade wegen der schrankenlosen Ehrlichkeit, mit der Roswitha Quadflieg diesen Dialog angeht, ein schmerzhaftes, aber auch befreiendes Buch. Und eine Aufforderung an die Großeltern von heute, sich den Fragen der Kinder und Enkel zu stellen, bevor es zu spät ist. 

Roswitha und Will Quadflieg: “Ich will lieber schweigen”
Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter. 
298 Seiten, Hardcover mit Begleitheft
Kanon Verlag, 26 Euro 

 

Geschichte einer Jugend 

Nach den erfolgreichen Büchern über die Lebensgeschichte seiner Eltern ("Der Apfelbaum" und “Ada”) hat sich der Schauspieler und Autor Christian Berkel, bekannt aus Film und Fernsehen, jetzt der eigenen Kindheit und Jugend angenommen. Der Titel seiner fiktionalen Autobiografie kommt nicht von ungefähr: Sputniks waren die ersten, 1957 von der Sowjetunion ins All geschossenen Satelliten. Und “Sputnik” war der Spitzname des jungen Christian, der in eben diesem Jahr 1957 das Licht der Welt erblickte. 

Berkel, ein begnadeter Erzähler, schildert in diesem Roman die Geschichte einer Jugend, die noch geprägt war von der Nachkriegszeit, dem Spießertum der 1950er und 60er Jahre, und dem Aufbruch nach 1968 in eine freiere, neue Welt. Wer in dieser Zeit sozialisiert und groß geworden ist, wird in diesem Buch viele Déjà-vus entdecken, wird viel lachen und vielleicht auch ein bisschen weinen. Weil Christian Berkel es wie kaum ein anderer versteht, die Leserin und den Leser mitzunehmen in diese Zeit und seine Erlebnisse. Und so wird aus dieser ganz persönlichen Jugend auch ein Kaleidoskop der jüngsten Vergangenheit, das niemanden kalt lassen dürfte. 

Christian Berkel: Sputnik
384 Seiten, Hardcover
Ullstein Buchverlage, 26 Euro

 

Ein neuer Blick auf eine spannende Frau 

Sie polarisiert. Sie ist umstritten. Sie ist erfolgreich: Giorgia Meloni, seit 2022 Italiens Ministerpräsidentin. Jetzt hat sie ihre Autobiografie vorgelegt. Auch, um mit zahllosen Unterstellungen und Interpretationen aufzuräumen, die sie auf ihrem politischen Weg begleiten: “Ich habe zu viele Menschen über mich und meine Vorstellungen reden hören, um mir nicht darüber im Klaren zu sein, wie sehr ich und mein Leben in Wirklichkeit verschieden sind von dem, was man sich über mich erzählt. Und ich habe beschlossen, mich zu öffnen, in der ersten Person zu erzählen, wer ich bin, woran ich glaube und wie ich bis hierher gekommen bin”, schreibt sie zur Begründung für dieses Buch. 

Aufgewachsen ohne Vater in Rom mit der Mutter und einer Schwester und den Großeltern schildert sie mit ihrer Kindheit und Jugend gleichzeitig die Grundlagen für ihr politisches Engagement bei den “Fratelli d'Italia”. Und schon die Überschriften der sechs Kapitel charakterisieren sie bildhaft und selbstbewusst: “Ich bin Giorgia”, “Ich bin eine Frau”, “Ich bin eine Mutter”, “Ich bin rechts”, “Ich bin Christin”, “Ich bin Italienerin”. Man mag das egozentrisch nennen, es ist auf jeden Fall ehrlich. Und es erzählt mehr über die Erfolgsgeschichte dieser Politikerin als jedes Portrait es bisher vermochte. Es erzählt auch viel darüber, warum Meloni in Italien so beliebt und weltweit als Ministerpräsidentin geachtet und anerkannt ist. 

Giorgia Meloni: Ich bin Giorgia.
Meine Wurzeln, meine Vorstellungen
384 Seiten, Hardcover
Europa Verlag, 26 Euro

 

Überleben und Widerstand 

Die großen Hotels in den europäischen und überseeischen Metropolen waren in der Zeit des Zweiten Kriegskriegs ein Umschlagplatz zahlloser Schicksale. Und an der Bar in diesen Etablissements kondensierten Liebe und Verrat, Glück und Leid, Spionage und Widerstand. Dort trafen sich Exilanten ebenso wie hohe Militärs, Politiker, Kollaborateure, Künstler und Intellektuelle. Aus dieser Melange hat Philippe Collin einen spannenden Roman geschrieben, der sich süffig wie wenige liest und kaum noch wieder davon loskommen lässt. 

Diesen Barmann im legendären Pariser Hotel Ritz der 1940er Jahre gab es wirklich. Er hieß Frank Meier. Und er hütet ein brisantes Geheimnis: Er ist Jude. Wie also soll er umgehen mit dem, was er mehr oder weniger unfreiwillig bei Champagner und Cocktails, bei Whisky und Gin mithört? Wo muss er eingreifen, wo bringt er sich selbst damit in höchste Gefahr? Philippe Collin hat mit diesem Roman diesem Barkeeper und ebenso dem Ritz und der Atmosphäre dieser Zeit ein grandioses Denkmal gesetzt. 

Philippe Collin: Der Barmann des Ritz
Übersetzung: Amelie Thoma
447 Seiten, Hardcover
Insel Verlag, 25 Euro

 

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Mit dem Herzen gereist

Er hat es wieder getan. Wolfgang Büscher, der mit seinem 2009 erschienenen Bericht über seinen Fußmarsch auf den Spuren der Heeresgruppe Mitte “Berlin - Moskau” Reisejournalismusgeschichte geschrieben und dieses Genre mit verschiedenen weiteren Büchern über seine Wanderungen in aller Welt gewissermaßen neu erfunden hat, hat sich wieder mal aufgemacht. Dieses Mal aber nicht zu Fuß, sondern mit dem Geländewagen und auch nicht alleine, sondern in Begleitung von Einheimischen: eines Fahrers und eines Kochs. Aus Gründen: Die Region, die Büscher sich ausgesucht hat, war nicht ohne Risiken. Die Felswüste rund um das Massiv des Assekrem im Süden Algeriens mit einer Ausdehnung von der Größe Frankreichs liegt auf der Route aus dem afrikanischen Süden in den Norden, auf dem Weg zum Mittelmeer. “Sie sind dort eine Handelsware”, habe man ihm vorher gesagt, erzählt Büscher anlässlich seiner Buchvorstellung am 30. Januar 2025 im Hamburger Literaturhaus. Die Region sei riesig, das sei ihm vorher gar nicht so klar gewesen.

Es war ein Foto, das ihn auf die Spur gebracht hat. Das Foto einer mitten in einer Felswüste des Haggar-Gebirges einsam gelegenen Klause, vor hundert Jahren bewohnt von einem “Wüstenheiligen”: Charles de Foucauld, einem französischen Adelsspross aus extrem reichem Hause. Anfangs, wie es sich für die Haute Volée seinerzeit gehörte, als Offizier im Militär tätig, wurde Foucauld später zum Forscher und erkundete vor allem Marokko und den Hohen Atlas, den er erstmals überhaupt kartierte. Er lebte als Mönch und Einsiedler, beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte und dem Leben der Tuareg und errichtete auf dem Hochplateau des Assekrem eine schlichte Einsiedelei. Davon hatte Büscher ein Foto gesehen und war fortan von der Idee beherrscht, genau dorthin zu reisen. 

Ursprünglich, so sagt er in Hamburg, habe er gar nicht so weit wegfahren wollen. Er habe eigentlich nur ein “kleines, stilles Buch schreiben wollen über das Unterwegssein", und zwar im Rahmen einer Wanderung auf der Via Appia von Rom nach Sizilien. Damit sei er allerdings kläglich gescheitert. Nach zwei Tagen schon war Schluss, denn: “Italienische Straßen haben keinen Seitenstreifen …”. Danach sei er auf das Foto, auf Foucauld und dessen verrückte Lebensgeschichte gestoßen. Und dann war klar: Es wird die Wüste: “Die Wüste ist ein einziger Seitenstreifen!” 

Und wieder gelingt es Wolfgang Büscher in diesem sehr besonderen Reisebericht, eine ganz eigene Welt zu erzeugen, einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Er versteht es, eine Landschaft lebendig werden zu lassen, die so karg ist, so öde und leer, aber auch so großartig und gewaltig. Die von Menschen bewohnt und durchstreift wird, die sich seit Jahrhunderten darauf verstehen, sich an die extremen Bedingungen dort anzupassen. Büscher bringt uns eine ganz andere Wüste nahe, als wir sie von Kalenderblättern gewohnt sind. Es sind nicht die Sanddünen mit ihren weitschwingenden Formen, sondern spitze, hohe Felsnadeln, schroffe Wände, hochaufragende Schlote aus erloschenem Vulkangestein, schwarz glänzende Felsen in bizarren Formationen, lebensfeindliche Strukturen sich ins Unendliche dehnender Steinöden. Eine Wüste, in der der Wind die beherrschende Kraft ist, hoch oben auf 2000 m Höhe, wo Foucaulds Klause liegt, wo die Temperaturen oft unter die Nullgradgrenze fallen. Eine Wüste, wie wir sie so gar nicht kennen. 

Nicht nur einmal sehnt man sich beim Lesen trotz der einzigartigen Kunst Büschers, mit Worten Bilder zu malen, nach Fotos, nach einer Karte auch, um genauer zu erfassen, wo er sich da herumgetrieben hat. Aber gerade dass er sich solchen Anschauungsbeispielen verweigert, hat zur Folge, dass man sich mit dieser Region und auch mit Charles de Foucauld näher beschäftigt. Und drei Fotos zeigt er dann doch: Auf dem Umschlag das ramponierte Straßenschild nach Assekrem, auf der ersten Innenseite den betenden Mitfahrer inmitten einer endlosen Schotterwüste mit einer von irgendjemand verlorenen einsamen Gummisandale, und auf der rückwärtigen Innenseite die Foucauld'sche Klause auf dem Felsplateau. Schon diese drei Bilder genügen, um hineinzuziehen in dieses Buch, uns mit diesem Autor, dessen wunderbar eingehende Sprache so zwingend ist, auf den Weg zu machen. Es sind “Ansaugstutzen” für eine faszinierende Reise in eine Region, die uns so fremd ist und die uns Wolfgang Büscher auf seine eigene Weise nahezubringen versteht. Es ist, als schleiche sich die Faszination der Wüste unversehens mitten in unsere Seele. Weil Büscher nicht nur mit dem Herzen sieht, sondern auch mit dem Herzen reist und schreibt. Und wie bei allen Büscher-Reisen wird das Lesen deshalb auch eine Reise zu uns selbst. 

Wolfgang Büscher: Der Weg. Eine Reise durch die Sahara. 
240 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft
Hardcover 24 Euro 
E-Book 19,99 Euro

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Lesenswertes für ruhige Tage

Die Zeit zwischen Heiligabend am 24. Dezember und dem Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar gitl seit altersher als eine besondere Zeit. Eine Zeit, in dem wir dem Himmel ein bisschen näher sind als sonst, und in der uns der Himmel ein bisschen weiter offen steht als gewöhnlich. Es ist die Zeit der Rauhnächte, der Ruhe, der Besinnung, des Rückzugs vom Alltagsgeschehen und seiner Hektik. Und auch wenn die Wintersonnenwende am 21. Dezember davon kündet, dass die Sonne ihren Tiefpunkt im Jahreslauf erreicht hat, so sind die Nächte doch immer noch lang und kalt. Eine Zeit also, die wie geschaffen ist für ein gutes Buch. Hier ist eine Auswahl, die ich für besonders lesenswert halte. 

 

Ein ungleiches Paar: Gabriele Münter und Wassily Kandinsky 

Er galt bis zur Entdeckung des umfangreichen Werkes von Hilma af Klint als der Begründer der abstrakten Malerei: Wassily Kandinsky. In seinem Schatten stand viele Jahre lang seine Lebensgefährtin in der Zeit zwischen 1901 und 1914. In Murnau hatten sie ein Haus gekauft (von der Bevölkerung als das “Russenhaus” tituliert und heute ein sehenswertes Museum, in dem vieles noch so erhalten ist, wie es Gabriele Münter hinterlassen hat), in dem sie in “wilder Ehe” zusammenlebten, weitgehend gemieden vom Rest der Gesellschaft. Sie gründeten gemeinsam mit Franz Marc und anderen die Künstlergemeinschaft “Blauer Reiter”. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs kehrte Kandinsky nach Russland zurück. Die Hoffnung Gabriele Münters, dass er sich von seiner ersten Frau in Russland scheiden und sie heiraten würde (zu dieser Zeit war das für eine Frau die einzige Möglichkeit, gesellschaftlich anerkannt mit einem Mann zusammenzuleben), zerschlug sich damit. Münter reussierte in Skandinavien mit ihrer Malerei und kehrte 1920 nach Deutschland zurück. Kandinsky hatte sie zwischenzeitlich auch offiziell von ihr getrennt, was sie sehr getroffen hat. Es gäbe noch viel zu berichten über das ungleiche Leben der beiden Künstler, das würde jedoch einem Buch und ebenso einem Film vorgreifen, die beide gleichermaßen lesens- bzw. sehenswert sind. 

Das Buch beruht auf den Recherchen von Alice Brauner und Heike Gronemeyer, die den Nachlass von Gabriele Münter durchforstet haben, ihre Briefe und Tagebücher, und die auch mit Zeitzeugen und Nachkommen gesprochen haben. 

Der Film - so viel sei doch noch erwähnt – schildert Münters Leben vor allem aus der Sicht einer ungewöhnlichen, selbstständigen Frau, die sich ihren Weg in der künstlerischen Szene Anfang des 20. Jahrhunderts mühsam erkämpft (grandios als Hauptdarstellerin: Vanessa Loibl). Die enttäuscht wird von der selbstgefälligen Attitude eines Mannes, der ihr in der Malerei zwar ebenbürtig war, menschlich aber eben doch nicht. Das Buch wie der Film rühren gleichermaßen an und öffnen den Blick auf eine bedeutsame Künstlerin. 

Alice Brauner, Heike Grönemeier: Münter & Kandinsky. Von der Macht der Farben und einer fatalen Liebe
336 Seiten, Hardcover
Penguin Verlag, 28,80 Euro
E-Book: 22,99 Euro

Münter & Kandinsky - der Film 
Trailer auf YouTube
 

Das schwierige Ergründen der Vergangenheit 

In diesen Jahren mehren sich die Bücher, die sich damit auseinandersetzen, welche Folgen die Wende 1989 für die Menschen gehabt haben, die schon in der Zeit davor die Flucht aus der DDR geschafft haben, und die sich dann nach der Wende schmerzlichen Wahrheiten stellen mussten. Eines dieser Bücher ist das von Margarethe Adler. Sie beschäftigt sich mit der Frage, was Flucht und Ausreise in den Westen für diejenigen bedeutet haben, die zurückbleiben mussten. Es ist ein Plädoyer für mehr Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, auch wenn sie schmerzlich ist. In diesem Buch ist es – wie schon bei der Aufarbeitung der Nazi-Zeit zwischen 1933 und 1945 – die Generation der Enkelinnen und Enkel, die die unbequemen Fragen stellt, die nicht locker lässt auf der Suche nach der Wahrheit. Ein Buch, das für mehr Verständnis wirbt – auf allen Seiten. 

Margarethe Adler: Die Stunde der Mauersegler
352 Seiten, Hardcover
C. Bertelsmann Verlag, 22 Euro
E-Book: 14,99, auch als Hörbuch erhältlich 
 

Höre, was dein Herz dir sagt 

Es ist das Übliche: Ein 51-jähriger Mann, Architekt von Beruf, klappt auf der Rolltreppe eines Zürcher Kaufhauses zusammen: Herzinfarkt. Dank den Segnungen der modernen Akutmedizin wird er gerettet. Und bekommt eine zweite Chance. Auch die Chance, sich mit seinem bisherigen Leben auseinanderzusetzen. Zu überlegen: Warum ist mir das passiert? Warum gerade jetzt? Denn Peter Munk, der Titelheld dieses Romans, hat alles andere als unvernünftig gelebt: Er raucht nicht, trinkt wenig Alkohol, er treibt Sport, ernährt sich gesund und sogar der berufliche Stress hält sich in Grenzen. Was also war hier los, dass ausgerechnet sein Herz versagt? Und so stellt sich Munk in der Zeit seiner Reha den elementaren Fragen seines bisherigen Lebens: Was war gut daran, was war verbesserungswürdig? Überhaupt: Was ist Leben? Was ist die Liebe? Und so überdenkt Munk die 13 (!) wesentlichen Liebesbeziehungen seines Lebens, manche kürzer, manche länger, aber alle prägend. Vorprägend auch für das Ereignis auf der Rolltreppe. Er lernt, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Und er lernt, auf sein Herz zu hören. Ein großartiger Roman, dem die Lebensweisheit aus jeder Zeile spricht, ohne je aufdringlich oder besserwisserisch zu sein. 

Jan Weiler: Munk
384 Seiten, Hardcover
Heyne Verlag, 24 Euro
E-Book: 19,90, auch als Hörbuch erhältlich
 

Unter die Lupe genommen 

Es kommt selten vor, dass ein Roman von zwei Autoren gemeinsam geschrieben wird, in diesem Fall von zwei Autorinnen, geb. 1970 und 1976. Sie nehmen die deutsche Gesellschaft unserer Zeit unter die Lupe, indem sie den Zweispalt eines Journalisten schildern, die sich mangels Alternativen als Berater für Kommunikation bei einem populistischen Politiker verdingt. Was in seinem Umfeld, vor allem innerhalb seiner Familie, für hochgezogene Augenbrauen und heftige Anwürfe sorgt. Schließlich war er in einem liberalen Elternhaus aufgewachsen, mit Populismus (Frage: Was ist das eigentlich?!) hatte er bisher wenig zu tun. Donata Rigg und Claudia Klischat ist hier ein Roman gelungen, wie er aktueller nicht sein könnte. Bemerkenswert ist, dass die Arbeit an diesem Buch unterstützt wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, vom Programm Neustart Kultur der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (bislang war das Claudia Roth von Bündnis 90/die GRÜNEN) sowie von der VG Wort. Leider wird im Buch zur Begründung, warum das so war und warum sich diese zwei Autorinnen zusammengetan haben, nichts gesagt. 

Donata Rigg, Claudia Klischat: Zeitlang
624 Seiten, Hardcover
Ullstein Buchverlage, 26,99 Euro
E-Book 20,99 Euro
 

Meisterhafte Fotografien und eine große Liebe

Das ikonische Foto von Robert Capa eines von einer Kugel getroffenen Soldaten der republikanischen Armee im spanischen Bürgerkrieg ging um die Welt. Dass er eine Gefährtin hatte, die seine große Liebe war, und die ihm in der Meisterschaft der Fotografie in nichts nachstand, ist wenig bekannt. Und so ist es das große Verdienst von Caroline Bernard alias Tania Schlie, dass sie Gerda Taro mit diesem fiktiven, aber dennoch auf intensiven Recherchen beruhenden Roman aus der Vergessenheit geholt hat. Taro, die ursprünglich Gerta Pohorylle hieß, stammte aus einer jüdischen Familie und kämpfte schon früh gegen den Nationalsozialismus. 1933 floh sie vor den Nazis nach Paris und lernte dort Endre Friedmann kennen, aus dem später Robert Capa wurde. Die beiden vereinte die Liebe zur Fotografie und zueinander. Wie Capa fotografierte Gerda Taro im spanischen Bürgerkrieg, und leider starb sie dort, viel zu früh, am 26. Julli 1937, kurz vor ihrem 27. Geburtstag. Robert Capa hat sich von diesem Verlust nie wirklich erholt. “Gerda Taro war eine der ersten Frauen, die einen Krieg fotografiert haben”, sagt Caroline Bernard selbst über ihr Buch. “Sie ist eine der vielen »beklauten« Frauen, die Großes geleistet haben, deren Verdienste aber hinter denen von Männern verschwunden sind. In meinem Roman »Der Blick einer Frau« habe ich versucht, ihr ein Gesicht und eine Geschichte zu geben. (…) Sie ist eine der vielen Frauen, von denen wir mehr wissen und die wir uns als Vorbilder nehmen sollten: überaus mutig, mit einer festen Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte, mit einer gewaltigen Lust auf das Leben und die Liebe.” Dieses Buch könnte zeitgemäßer kaum sein. 

Caroline Bernard: Der Blick einer Frau. Sie riskierte ihr Leben, um die Welt zu verändern
384 Seiten, Hardcover
Rütten & Loening Verlag, 22 Euro 
E-Book 16,99 Euro
 

Ein neuer Blick auf Ostafrika 

Navid Kermani, hablilitierter Orientalist und in Köln lebender freier Schriftsteller, hat sich aufgemacht, den Osten Afrikas zu erkunden. Seine Reise führte ihn von Madagaskar über die Komoren, Mosambique, Tansania, Kenia und Äthiopien bis in den Sudan. Kermani beobachtet die Menschen dort, wie sie fliehen vor Hunger, Krieg und Dürre. Und wie sie dennoch allen Widernissen trotzen und auch noch schwierigsten Situationen etwas Positives abgewinnen, um ihm eine eigene Prägung zu geben. Navid Kermani ist hier ein neuer, ganz anderer Blick auf diesen von uns viel zu sehr vernachlässigten Kontinent gelungen. Seine feine Beobachtungsgabe bringt uns die Schönheit des Landes, aber auch seiner Bewohnerinnen und Bewohner, auf ihre Stärke und Kreativität nahe. Es öffnet den Blick auf eine Region, die von den Medien hierzulande sträflich vernachlässigt wird. Es sollte Pflichtlektüre für alle sein, die sich mit den Fragen unserer Zeit beschäftigen. 

Navid Kermani: In die andere Richtung jetzt. Eine Reise durch Ostafrika 
272 Seiten, Hardcover 
C.H. Beck Verlag, 26 Euro 
E-Book 19,99 Euro
 

Späte Einsichten 

Die Lungenheilstätten Berlin-Beelitz sind Anfang des 20. Jahrhunderts ein Ort, wo Fabrikarbeiter/innen behandelt werden. Dort begenen sich 1907 die Arbeiterin Anna Brenner und die Schriftstellerin Johanna Schellmann. Anna hat besondere Fähigkeiten, sie gilt als hellsichtig, was auf Johanna eine besondere Faszination ausübt. Als Johanna versucht, Anna für ihre Zwecke einzspannen, verweigert sich die Freundin. Jahrzehnte später erst kommt Vanessa, die Urenkelin Johannas, den schicksalhaften Verflechtungen der beiden Frauenleben auf die Spur. Da ist Beelitz schon längst zum Luxus-Refugium geworden … Ulla Lenze ist hier ein spannender Roman gelungen, der einen tiefen Blick wirft auf zwei sehr gegensätzliche Frauenleben am Anfang des vergangenen Jahrhunderts, aber auch auf die Gegenwart. 

Ulla Lenze: Das Wohlbefinden
336 Seiten, Hardcover
Klett Cotta Verlag, 25 Euro
E-Book 19,99 Euro, auch als Hörbuch erhältlich
 

Plaudereien im Kaffeehaus 

Es gibt kaum einen Ort, wo so viel getratscht wird, wie ein Kaffeehaus. Bernd-Lutz Lange alias Richard Dumont setzt sich an den fiktiven Tisch eines solchen Etablissements und lässt sich ein auf spannende Begegnungen. Sie sind in diesem Buch festgehalten und reichen zeitlich von den 1920er Jahren bis heute. Und irgendwann weiß man nicht mehr zu unterscheiden zwischen möglicher Wahrheit und spinnerter Fiktion. Eine ebenso amüsante wie abwechslungsreiche Lektüre für lange Winterabende. Und eine Anregung, bald mal wieder ein Kaffeehaus aufzusuchen. Wer weiß, wer einem da begegnet … vielleicht verändert sich dadurch das eigene Leben? 

Bernd-Lutz Lange: Café Continental. Geschichten und Plaudereien an Marmortischen
395 Seiten, Hardcover
Aufbau-Verlage, 22 Euro
E-Book 15,99 Euro
 

Thomas Mann revisited 

Am 6. Juni 2025 jährt sich der Geburtstag des bedeutenden deutschen Schriftstellers zum 150. Mal – Grund genug für den Filmemacher Heinrich Breloer, sich der frühen Jahre Thomas Manns anzunehmen. Breloer, bekannt durch seine Filme “Die Manns” und “Buddenbrooks”, schildert hier die Annäherung des jungen Schriftstellers an Katia Pringsheim in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg. Thomas Mann muss damals schmerzlich bewusst geworden sein, dass seine Homosexualität in krassem Widerspruch stand zu den gesellschaftlichen Zwängen. Wenn er also ein erfolgreicher Schriftsteller werden wollte (und mit den “Buddenbrooks” hatte er bereits erste Anerkennung erlangt), dann musste er eine Frau an seiner Seite haben. Es wurde, wie man weiß, eine lange, kinderreiche Ehe. Ohne Katia hätte Thomas Mann allerdings niemals den Ruhm erreicht, der ihm später zuteil wurde. Empfehlenswert in diesem Zusammenhang: die Dokumentation “Frau Thomas Mann” von Birgit Kienzle aus 2005, die auf YouTube einsehbar ist. 

Heinrich Breloer: Ein tadelloses Glück. Der junge Thomas Mann und der Preis des Erfolgs
464 Seiten, Hardcover
DVA Deutsche Verlags Anstalt, 26 Euro
E-Book 22,99

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Familiengeschichten

“Hof” ist Band 1 einer Roman-Trilogie, die in Dänemark zum Bestseller wurde. Der Autor, Thomas Korsgaard, geboren 1995, hat ihn mit 21 Jahren geschrieben. Korsgaard hat die Gabe, ebenso wortgewaltig und doch gleichsam bescheiden mit Sprache umgehen zu können. Das wird sogar in der Übersetzung von Justus Carl und Kerstin Schöps spürbar, auch wenn man des Dänischen nicht mächtig ist und den Roman deshalb nicht im Original lesen kann. 

Korsgaard schildert Kindheit und Jugend von Tue, einem Jungen, der in ärmlichen Verhältnissen auf einem Bauernhof aufwächst. Es ist eine Familiengeschichte, wie sie sich bestimmt unzählige Male abgespielt hat und immer noch abspielt. Es sind Geschichten von Liebe und Hass, von Geborgenheit und Einsamkeit, von Zuversicht und Verzweiflung, von Zärtlichkeit und Gewalt, von Ehrlichkeit und Betrug. Neben dieser familiären Szenerie mit all ihren Abgründen schildert Korsgaard, wie Tue seine Homosexualität entdeckt, sie aber vor dem Hintergrund der familiären Umstände – eines gewalttätigen Vaters und einer depressiven Mutter – geheimhalten muss. Immer wieder versucht er, aus den Zwängen seines Elternhauses auszubrechen, was ihm dann aber doch misslingt. Zumindest in diesem ersten Band erlangt er noch nicht die Freiheit, er selbst zu sein. 

Auf den ersten Blick ist diese Coming-of-Age-Story nichts Besonderes. Das, was einen bei diesem Buch so in den Bann schlägt, ist seine Ehrlichkeit. Seine Authentizität. Man fühlt sich beim Lesen, als säße man mitten im Geschehen, weshalb man sich manchmal wie ein Voyeur fühlt. Gerade diese Aufrichtigkeit und Schonungslosigkeit, aber ebenso eine erstaunliche Zärtlichkeit für all die Menschen, um die es geht, machen den Reiz dieses Buch aus. Es ist echt. So echt, wie ein Roman eben nur sein kann. 

Hier und da vermisst man noch etwas die Tiefe – man wüsste zum Beispiel gerne mehr über die biographischen Hintergründe von Tues Mutter und Vater, und wenn man so dicht am Geschehen ist, wüsste man natürlich gern mehr zu den einzelnen Personen. Aber letztlich geht es ja um Tue und seine Entwicklung, nicht um seine Eltern oder Geschwister. Und “Hof” ist ja erst Band 1 dieser Trilogie. Band 2 mit dem Titel “Stadt” erscheint Anfang 2025, der dritte Teil (“Paradies”) im Herbst 2025. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergehen wird. 

Thomas Korsgaard: Hof
Band 1 der Tue-Trilogie
288 Seiten, Hardcover
25 Euro

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