Eine Reihe von spannenden neuen Filmen waren beim 41. DOK.fest München, dem wohl wichtigsten Festival internationaler Dokumentarfilm-Kultur, zu sehen. Über zwei Tanzfilme habe ich schon bei tanznetz berichtet. Hier seien jetzt noch zwei Filme besprochen, die mir besonders aufgefallen sind – im Positiven wie auch - stellenweise - im Negativen.
Erinnerungen an Ingeborg Bachmann anlässlich ihres 100. Geburtstags
“Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal Ich war” hat Regisseurin Regina Schilling ihren Film überschrieben, der am 25. Juni, dem 100. Geburtstag der Schriftstellerin, in die Kinos kommt. Sie stützt sich dabei nicht nur auf dokumentarisches Material über die Schriftstellerin, sondern bemüht mit Sandra Hüller eine der bekanntesten Schauspielerinnen unserer Zeit um eine fiktionale Annäherung an die schwierige Biographie dieser besonderen Frau. Und genau das wird bekommt dem Film leider überhaupt nicht. Zu gekünstelt wirkt es, wenn sich Sandra Hüller eine Perücke überstülpt und einen Tag lang so tut, als sei sie Ingeborg Bachmann. Zu bemüht erscheint es, wenn sie versucht, sich um 70 Jahre zurückzuversetzen, in eine Zeit, die es Frauen schwer gemacht hat, sich zu behaupten, einen eigenen Platz zu finden, Anerkennung und Respekt.
Der Film hätte dieses Kunstgriffs gar nicht bedurft, denn die dokumentarischen Aufnahmen, Interviews und von Ingeborg Bachmann selbst gelesenen Texte sind überzeugend genug. Wo immer das Originalmaterial aus den 1950er, 60er und 70er Jahren eingespielt wird, bekommt man eine Ahnung davon, was diese Schriftstellerin aushalten musste. Wie anders diese Zeit war, wo von Emanzipation der Frau noch keine Rede war, wo die Männer nicht nur die Politik, sondern auch die Literatur, die Kunst und das alltägliche Leben beherrschten. Entlarvend zeigt die Kamera die Gesichter dieser Herren, die meinten etwas Besseres zu sein und sich über Frauen erheben zu können. Die davon überzeugt waren, nur sie könnten kreativ sein, die Künste bereichern – ob Literatur, Malerei oder Musik.
Beklemmend eng wird einem ums Herz, wenn man in den Aufzeichnungen aus dieser Zeit verfolgt, wie Ingeborg Bachmann ihren einsamen Weg geht durch diese Jahrzehnte, wie sie in der Liebe scheitert, immer wieder, an der Arroganz, Selbstüberhöhung oder Bindungsunfähigkeit ihrer Partner – Paul Celan, Hans Werner Henze, Max Frisch – und letztlich auch ihrer eigenen, von den Kriegsjahren und vom Unverständnis der männlich geprägten Literaturszene gezeichneten verletzten Seele, die auch der frühe Ruhm für ihre Lyrik nicht heilen konnte. Diese Dokumentaraufnehmen zeigen eindringlicher als alle Szenen mit Sandra Hüller, wie sie dennoch überlebt, vollgestopft mit Psychopharmaka, Alkohol und Nikotin – damals war es üblich, Frauen mithilfe von Valium und anderen Tranquilizern zu behandeln, um sie anpassungsfähig zu machen an das, was von ihnen verlangt wurde: Unterordnung und Gehorsam. Ingeborg Bachmann war in der Literaturszene eine der wenigen, die erfolgreich dagegen aufbegehrten mit ihrer Lyrik und Prosa, die zum Ventil wurden für die geschundene Seele: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe", sagt Ingeborg Bachmann in ihrer Dankesrede für den Anton-Wildgans-Preis 1972. "Ich bin nicht, wenn nicht ich schreibe. Bin mir vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“
Und so lohnt es sich trotz der immer wieder dazwischen gestreuten Szenen mit Sandra Hüller, diesen Film anzuschauen. Weil er uns eine Frau nahebringt, die so oft missverstanden wurde, die tragisch an einem in Brand geratenen Nachthemd starb, was im Film nicht weiter thematisiert wird, was aber doch wie ein Fanal erscheint angesichts der ganzen Vorgeschichte. Man versteht die Abgründigkeit dieser sehr besonderen Schriftstellerin besser, wenn man diese Dokumentaraufnahmen und Interviewszenen gesehen hat.
Ingeborg Bachmann. Jemand, der einmal ich war
95 Minuten
Regie: Regina Schilling
Musik: Soap&Skin
Produzent: Thomas Kufus
Frauen im Eis
Um die Jahrhundertwende wetteiferten verschiedene Männer darum, als erster am Nordpol gewesen zu sein. Heute kann man kaum noch nachvollziehen, welche Anziehungskraft solche noch nicht eroberten Flecken auf dem Erdenrund hatten, wie sehr sie die Phantasie beflügelten und den Ehrgeiz anheizten, nicht nur der einzelnen Forscher, sondern auch der Länder und Mäzene, die sie finanzierten und ihren Anteil haben wollten an Ruhm und Ehre. Denn derartige Expeditionen verschlangen Unsummen Geldes und bargen extreme Gefahren.
Wer diese Pioniertat wirklich erstmals geschafft hatte, ist bis heute nicht so ganz geklärt. Bisher galt Robert Peary als der Erste. Er gab vor, es nach sieben vergeblichen Anläufen als 52-Jähriger 1909 endlich geschafft zu haben. Sein Konkurrent damals war Frederick Cook, der ebenfalls den Heldenstatus des Entdeckers anstrebte und ebenfalls behauptete, als Erster am Pol gewesen zu sein. Wahrscheinlich waren sie es beide nicht, denn aus ihren Aufzeichnungen und Dokumenten geht es nicht eindeutig hervor.
Was in all den Berichten und Erzählungen jedoch verschwiegen wird, ist der Anteil der Frauen an derlei Erfolgen. Diese Lücke füllt jetzt ein überaus sehenswerter Film, der drei Polarforscherinnen ein Denkmal setzt: Da ist Josephine Peary (1863 – 1944), die Frau von Robert Peary, die mitten im Eis ihre Tochter gebar und maßgeblich beteiligt war, dass die Expeditionen ihres Mannes überhaupt zustande kamen. Sie schrieb Bücher, die zu Bestsellern wurden und finanzierte damit maßgeblich das teure Hobby des Gatten. Da ist Ada Blackjack (1898 – 1983), eine Inuit, die auf Wrangel Island als einzige einer Gruppe Forschungsreisender überlebte. Und da ist Louise Arner Boyd (1887 – 1972), die sieben große Arktisexpeditionen leitete und dokumentierte.
Dieser Film ist umso bedeutsamer, als es noch vor 50 Jahren kaum möglich war, dass Frauen an Expeditionen in Arktis und Antarktis teilnahmen. Erst im Zuge der Frauenbewegung in den 1970er Jahren brach sich die Erkenntnis auch in den Chefetagen der Forschungseinrichtungen Bahn, dass Frauen die gleichen Rechte auf Forschung hatten wie Männer. Mit hanebüchenen Begründungen hatten es die Kapitäne bis dahin zu vermeiden gewusst, Frauen auf die oft wochen- und monatelangen Exkursionen mitzunehmen. Es gebe zu wenig Toiletten an Bord, hieß es z.B., oder sie würden die mitreisenden Forscher und ebenso die Mannschaft “verrückt machen”. Nur: Wer nicht mitreiste, erhielt in der Benotung der Diplom- oder Doktorarbeit einen Abzug – schließlich hatte man das Forschungsmaterial nicht höchstselbst eingesammelt, sondern war auf die Gnade der Kommilitonen bzw. Professoren angewiesen. Eine beispiellose Benachteiligung, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar war.
Dass nun mit diesem Film den großen Vorkämpferinnen aus Zeiten der Jahrhundertwende und ebenso der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Ehre erwiesen wird, ist eine weitere Genugtuung und schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Eisfrauen / Ice Women
90 Minuten
Buch und Regie: Dorothea Braun, Jens Becker
DOK.fest München 2025, Official Selection