Annette Bopp Navigation
Annette Bopp Navigation

FrolleinDoktor meint

FrolleinDoktors Gesundheitstipp

FrolleinDoktor rüscht sich auf

Sie sind hier: FrolleinDoktor - das Blog

Die Weisheit langen Lebens

Fünf Frauen, fünfhundert Jahre Leben.
Die indische Yogalehrerin V. Nanammal
V. Nanammal unterrichtete täglich 100 Schülerinnen und Schüler in der Kunst des Yoga.
Die Diplomatin Tamar Eshel baute den Staat Israel mit auf und ermöglichte unzähligen europäischen Juden die Einreise nach Palästina.
Tamar Eshel erhielt für ihre Arbeit hohe Auszeichnungen des Staates Israel und war u.a. Beraterin des Bürgermeisters von Jerusalem.
Nermin Abadan Unat lehrte viele Jahre an der Universität in Istanbul und ist eine glühende Anhängerin von Kemal Atatürk.
Die Schriftstellerin Inge Helbich begann im Alter von 57 Jahren nach ihrer Scheidung noch einmal ein ganz neues Leben.
Haydée Arteaga Rojas war in Kuba eine weithin bekannte Erzählerin.

Seit 7. März ist ein Film in den Kinos, der einen das Staunen lehren kann. Er dokumentiert fünf hundertjährige Frauen aus Kuba, Israel, Österreich, Indien und der Türkei. Sie haben ganz unterschiedliche Leben gelebt und doch vieles gemeinsam. Vor allem den Glauben an sich selbst, an den eigenen Willen, die Kraft, Widerstände überwinden zu können, und seien sie noch so groß. 

Da ist die Diplomatin Tamar Eshel aus Israel (1920-2022), die Mitglied der Haganah war und die Auswanderung europäischer Juden nach Palästina organisierte. Später war sie u.a. im israelischen Außenministerium und der UN tätig, sie war Vorsitzende des Israel Council of Women's Organisations sowie der zionistischen Frauenorganisation Na'amat, sie war Mitglied der Knesset und Ehrenbürgerin Jerusalems. 

Da ist die Geschichtenerzählerin Haydée Arteaga Rojas aus Kuba (1915-2020), die sich schon früh für Solidarität und Gleichberechtigung einsetzte und zeitlebens eine Anhängerin eines freien Kubas und Fidel Castros. Ihre Arbeit als Schriftstellerin und Erzählerin war in Kuba hoch anerkannt und respektiert. 

Da ist die Yogalehrerin V. Nanammal aus Indien (1920-2019), die in 45 Jahren insgesamt eine Million Menschen Yoga beibrachte. 600 ihrer Schüler sind heute Yogalehrer in aller Welt. 2016 erhielt sie eine hohe zivile Auszeichnung und war in Indien sehr bekannt. 

Da ist die Schriftstellerin Ilse Helbich aus Österreich (1924-2024), die für den österreichischen Rundfunk Drehbüher und Radiobeiträge verfasste. Nach ihrer Scheidung von dem Rechtsanwalt und späteren Generalsekretär der österreichischen Industriellenvereinigung Franz Helbich (1924-2012), mit dem sie fünf Kinder hatte, im Jahr 1981 ging sie noch einmal ganz neue Wege. 

Da ist die Juristin, Soziologin und Schriftstellerin Nermin Abadan-Unat (geb. 1921) aus der Türkei, die viele Jahre an der Bogaziçi-Universität in Istanbul lehrte und einen großen Einfluss auf die Kommunikation in der Türkei hatte. Sie ist eine Anhängerin von Kemal Atatürk und engagiert sich bis heute für Demokratie und Frauenrechte. 

"Die Weltgeschichte wurde fast ausschließlich aus männlicher Sicht geschrieben. Als Filmemacher war ich jedoch schon immer daran interessiert, einen anderen Blickwinkel, eine neue Perspektive zu entwickeln", erklärt Regisseur Uli Gaulke im Presseheft zum Film. "So kam ich auf die Idee, die Weltgeschichte der letzten hundert Jahre aus der Sicht von hundertjährigen Frauen zu erzählen, die durch ihr Engagement einen Fußabdruck hinterlassen haben und die Gesellschaft, in der sie leben, in besonderer Weise geprägt haben und noch prägen."

Es sind bewegende und berührende Portraits von fünf Frauen, die auf ihre Art die Welt beeinflusst und geprägt haben – die wirksam waren in ihrem Umkreis. Wir, die wir noch nicht über 100 Jahre Lebenserfahrung verfügen, können davon viel lernen. Nur eine von ihnen – Nermin Abadan-Unat – ist noch am Leben, und so mutet es wie ein Geschenk an, dass dieser Film den anderen vier posthum ein Denkmal setzt. 

Ihr Jahrhundert. Frauen erzählen Geschichte. 
Buch, Regie, Schnitt: Uli Gaulke 

Erstellt am

Die Kraft der Stimmen

André Heller kuratiert eine Woche lang das Programm in der Hamburger Elbphilharmonie. Foto: Daniel Dittus
Hind Ennaira und ihre Musiker. Foto: Daniel Dittus
Hind Ennaira in Aktion! Foto: Daniel Dittus
Einer der jungen Musiker von Hind Ennaira hat eine besondere tänzerische Begabung. Foto: Daniel Dittus
Fareed Ayaz und Abu Muhammad mit ihren Musikern. Foto: Daniel Dittus
Mikrophone hätten diese Musiker eigentich gar nicht gebraucht - ihre Stimmen hätten den großen Saal der Elbphilharmonie auch alleine bis unters Dach erfüllt. Foto: Daniel Dittus
Die beiden Brüder sind Sufi-Meister und füllen mit ihrer Band ganze Stadien in Pakistan. Foto: Daniel Dittus
Nomen est omen: der Reflektor als Sinnbild für das künstlerische Programm. Foto: Daniel Dittus

Alljährlich stellt sich die Elbphilharmonie eine Woche lang ganz in den Dienst einer Künstlerin bzw. eines bestimmten Künstlers. Diese/r darf im Rahmen dieses "Reflektors" das Programm komplett selbst bestimmen. Dieses Jahr wird diese Ehre dem Wiener Allround-Künstler André Heller zuteil. Für diese sieben Tage hat er eine wahre Wundertüte an Vorstellungen zusammengestellt, von Filmen über Diskussionen bis zu in Hamburg noch nie gehörter Musik – wahrhaft eine "Woche des Staunens", wie die Elbphilharmonie schreibt. 

Den Auftakt bildete ein Konzert mit zwei Musikgruppen aus Nahost: die "Sufi-Night" mit spiritueller Musik aus Marokko und Pakistan. Um es vorwegzunehmen: Es war umwerfend. Umwerfend gut. Umwerfend begeisternd. Umwerfend bewegend. Teil 1 bestreitet Hind Ennaira mit ihrer sechsköpfigen Kombo "Black Koyo". Ihre klare Stimme, ihr rhythmisch betontes Spiel der Basslaute, Gimbri genannt, nehmen sofort mit. Die sechs Musiker bewegen sich im Rhythmus dieser Klänge und lassen mit wippenden Köpfen die Troddeln ihrer Kappen kreiseln. Anfangs in rot-schwarze Umhänge gekleidet, später in weiß-glitzernde lange Jacken schlagen die Musiker zum Gesang von Hind Ennaira und Hicham Bilali, der ebenfalls die Gimbri schlägt, überdimensionierte Metall-Kastagnetten. Hin und wieder springt einer der Musiker nach vorne und beginnt zu tanzen – besonders einer von ihnen, ein noch recht junger, vollführt akrobatische Sprünge, Flipflops und sogar einen Salto. Auch wenn man kein Wort versteht, so vermittelt sich doch das Anliegen: Es sind Lobpreisungen Allahs und der Propheten – und manchmal wünscht man sich, eine ähnliche Intensität und Begeisterung wäre in unseren christlichen Kirchen zu spüren. 

Noch gesteigert wird das in Teil 2 durch Fayeed Ayaz und Abu Muhammad, zwei Brüder aus Pakistan, und ihren acht Musikern. Sie spielen im Sitzen: zwei Trommeln, ein Keyboard, zwei Harmonien und Stimmen, die weit über die Elbphilharmonie hinaus zu hören wären, öffnete man die Türen. Und eigentlich versteht man nicht, dass hier überhaupt Mikros aufgebaut wurden – diese Stimmen sind so kraftvoll, so voluminös, dass sie dank der feinen Akustik des Großen Saals sicher auch für sich hätten stehen können. Und fast bedauert man dies, denn durch die Verstärkung werden sie fast schon zu laut, zu wenig differenzierbar. Nur dann, wenn einer der zehn großartigen Sänger alleine erklingt, spürt man, wie beseelt hier gesungen wird. Ganz besonders von den beiden schon betagten Brüdern, aber auch von einem noch ganz jungen Band-Mitglied, dessen glockenklare Stimme nur noch staunen lässt. 

Und so ist dieser Abend ein einziges Fest für die Kraft der Stimmen, eine "rhythmische Extase", wie die Elbphilarmonie den Abend im Programm übertitelt hat. Für die Kunst Marokkos und Pakistans, die wir so wenig kennen und so selten hören. 

Das Programm der ganzen Woche hält noch viele kleine und große Kostbarkeiten bereit – wohl dem, der noch eine Karte ergattert! 

Erstellt am

Hommage an eine mutige Frau

Das Filmplakat
Freiheit statt Disziplinierung: Maria Montessori (Jasmine Trinca) hat verstanden, welche Schätze in den Kindern verborgen sind. © Neue Visionen Filmverleih
Die Französin Lili d’Alengy (Leïla Bekhti) hat ihre behinderte Tochter jahrelang versteckt, muss dann aber Verantwortung für sie übernehmen und kann sie in Maria Montessoris Institut unterbringen. © Neue Visionen Filmverleih
Partner, Liebende, Konkurrenten: Marias (Jasmine Trinca) und Giuseppes (Raffaele Esposito) Beziehung hat viele Gesichter, bis er sich den Konventionen beugt und eine fügsamere Frau Maria vorzieht. Damit entzieht er ihr auch die Arbeitsgrundlage in dem gemeinsamen Institut, und Maria muss ihren eigenen Weg finden. © Neue Visionen Filmverleih
Ein schicksalhaftes Bündnis: Zwischen Maria Montessori (Jasmine Trinca) und Lily d’Alengy (Leïla Bekhti) entsteht eine Freundschaft auf Augenhöhe. Lily verschafft ihr Zugang zur wohlhabenden Gesellschaft und damit zu Geldgebern für ihr eigenes Institut. © Neue Visionen Filmverleih

Am 7. März kommt ein neuer Spielfilm über Maria Montessori (1870–1952) in die Kinos. Er zeichnet ein sehr anderes Bild von dieser mutigen Frau als Sabine Seichter jüngst in ihrem Buch "Der lange Schatten Maria Montessoris - Der Traum vom perfekten Kind", mit dem sie in den Medien große Aufmerksamkeit erhielt. Darin wird Maria Montessori bezichtigt, Kinder nach ihrer Vorstellung perfektionieren zu wollen, auch im Sinne von Rassentheorie und Eugenik. Es sei dahingestellt, was an diesen Beschuldigungen wahr ist oder nicht – ich kann und will das hier nicht weiter vertiefen. Interessant ist dazu jedoch ein Beitrag auf der Bildungsplattform "News4teachers", wo Heiner Barz die Aussachen Sabine Seichters als "höchst einseitig und über weite Strecken falsch zu gespitzt" kritisiert. 

Zurück zum Film. Dieser zeigt eine Frau, die für ihre Mission brennt, mit behinderten Kindern anders umzugehen, als das in dieser Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts üblich war. Damals hielt man sie für "Idioten" und sperrte sie in „Irrenanstalten“ weg, wo sie in heute unvorstellbarer Weise vor sich hin vegetieren mussten. Maria Montessori, eine der ersten Ärztinnen Italiens, steht dagegen für eine menschliche Pädagogik, die das Kind in seinem So-Sein respektiert, es genau beobachtet und in seinen Fähigkeiten gezielt mit verschiedenen Methoden fördert. 

Um ihrer Arbeit nachgehen zu können, gibt Maria sogar den eigenen Sohn Mario schon als Baby in die Obhut einer Bäuerin. Er entstammt einer nicht legalisierten Verbindung mit ihrem Arztkollegen Giuseppe Montesano, mit dem zusammen sie ein pädagogisches Lehrerbildungsinstitut leitet, wo behinderte Kinder betreut werden. Die Lorbeeren für die dort angewandte erfolgreiche Pädagogik, für die sich jedoch nur wenige aus der Wissenschaft interessieren und ungläubig auf die Erfolge starren, heimst in der patriarchalisch orientierten Gesellschaft aber natürlich der Mann ein, nicht sie. Obwohl Maria Giuseppe liebt und er sie, ist sie nicht bereit zu heiraten – sie möchte niemandem gehören und sieht in einer Ehe nur Fesseln für die eigene Weiterentwicklung. Das war damals durchaus berechtigt, denn der Mann hatte zu dieser Zeit die absolute Verfügungsgewalt über seine Ehefrau. Maria möchte sich dem nicht unterwerfen. Trotzdem versucht sie immer wieder, Giuseppe davon zu überzeugen, Mario zu sich zu nehmen und den gesellschaftlichen Zwängen die Stirn zu bieten. Dazu ist Giuseppe jedoch nicht bereit, und auch Marias Eltern stellen sich quer. So bleibt Mario bei der Bäuerin, und die Mutter wird ihm mehr und mehr entfremdet. 

In der französischen Maitresse Lily d’Alengy, die eine behinderte Tochter hat, die sie lange Zeit versteckt hielt, dann aber in Montessoris und Montesanos Institut unterbringen kann, findet Maria schließlich eine Verbündete. Lily erlebt an der eigenen Tochter die segensreichen Wirkungen der Montessori-Pädagogik und eröffnet ihr über ihre Verbindungen in wohlhabende Kreise die Möglichkeit, ihre Methoden unabhängig von Montesano anzuwenden und ein eigenes Institut zu gründen. Für Maria ist das die Rettung, denn Giuseppe hat ihr inzwischen kurzerhand die Beziehung aufgekündigt und sich mit einer anderen Frau verlobt, die gefügiger ist. Maria geht ihren eigenen Weg, und zu ihrer Freude kehrt Mario als junger Mann zu ihr zurück und arbeitet künftig mit ihr zusammen in ihrem Institut. 

Ein opulent gemachter Film mit großartigen Schauspielerinnen, der einen anderen, sehr menschlichen Blick auf diese bedeutende Frau eröffnet.

Maria Montessori
Drehbuch und Regie: Léa Todorov
Kamera: Sébastien Goepfert
Kostümbild: Agnès Noden
Schnitt: Esther Lowe
Produzenten: Grégoire Debailly, Carlo Cresto-Dina, Valeria Jamonte, Ilaria Malagutti, Manuela Melissano

Trailer auf YouTube

Erstellt am

Geschichte einer langen Liebe

Das Plakat zum Film
Eva und Dieter 1953 (c) Foto Eva und Dieter Simon
Eva und Dieter 1954, (c) Foto Eva und Dieter Simon
Eva und Dieter auf der Terrasse ihres Hauses, (c) Foto Julia Sellmann
(c) Foto Julia Sellmann
Die Regisseurin Pia Lenz, (c) Foto Henning Wirtz

Ein bewegender Film kommt am 23. November in die Kinos: "Für immer". Es ist die Dokumentation der letzten Jahre eines betagten Ehepaars, beide sind bereits über 80 Jahre alt. Von 2018 bis 2023 begleitete Pia Lenz Eva und Dieter Simon, die im Süden Hamburgs am Rande der Großstadt in einem idyllisch mitten im Wald gelegenen Haus leben. Sie meldeten sich auf eine Zeitungsannonce hin und waren bereit, sich von Pia Lenz über fünf Jahre hinweg filmen zu lassen. Es ist die berührende Geschichte einer langen Liebe, die durch viele Höhen und Tiefen gegangen ist, getragen von wechselseitigem Verständnis, aber auch immer wieder auf die Probe gestellt von zwei durchaus selbstbewussten Individualitäten. 

Im Winter 1952 tanzen Eva und Dieter das erste Mal miteinander, schüchtern, vorsichtig. Sie heiraten, bauen ein Haus, bekommen drei Kinder, verkraften gemeinsam den Unfalltod der zweiten Tochter, streiten sich und vertragen sich wieder, gehen fremd und verzeihen einander. So sind sie gemeinsam alt geworden. Eva ist inzwischen gebrechlich geworden, eine Lungenkrankheit und andere Probleme machen ihr zu schaffen. Ihre Kräfte schwinden zusehends, und Dieter kann nichts dagegen machen, nur unterstützen, helfen, sich kümmern. Und zusehen, wie seine Partnerin langsam immer schwächer wird, bis sie 2022 stirbt – zu Hause. Er bleibt allein zurück. 

Wie Pia Lenz diese Partnerschaft zeichnet, in ihren verschiedenen Etappen und Schattierungen, das ist sehr besonders – vor allem ist es nie voyeuristisch. Ungemein einfühlsam nähert sie sich diesen beiden alten Menschen, ihren Schrullen und Stärken, ihrer Lebensgeschichte, die durch Tagebucheintragungen auch noch Jahrzehnte nach dem jeweiligen Geschehen lebendig wird. Eva ist die Gesprächigere von beiden – sie reflektiert die gemeinsamen Jahre mit aller Ehrlichkeit und Offenheit, derer sie fähig ist, und sie lässt auch die eigenen Fehler nicht aus, die Unzufriedenheit mit der Rolle als Hausfrau und Mutter, aus der sie verschiedentlich ausbricht. Dieter, Architekt von Beruf, vergräbt sich immer wieder in seine handwerklichen Leidenschaften, werkelt am Haus und im Garten, baut sich und der Familie ein Nest, das zum Rückzugsort wird gerade in diesem hohen Alter. 

"Für immer" ist ein Film, den sich jedes Paar anschauen sollte – es lässt sich so viel daraus lernen. Vor allem dies: Dass eine große Liebe durch alle Täler und Schicksalsschläge trägt, dass diese Liebe aber auch immer wieder gehegt und gepflegt werden will, wenn sie diese dauerhafte Tiefe erreichen soll. 

 

Erstellt am

Beklemmender Rückblick

Das Plakat zum Film
Alexander Kluge bei den Dreharbeiten
Alexandra Kluge als Anita in "Abschied von gestern"
Alexandra Kluge als Anita in "Abschied von gestern"

Schon seit Mitte Oktober ist ein Film im Kino, der einen beklemmenden Rückblick in das Deutschland (Ost wie West) der 1960er Jahre darstellt: "Abschied von gestern" von Alexander Kluge aus 1966. Der Inhalt ist rasch umrissen: Eine junge Frau (gespielt von Alexandra Kluge, der Schwester des Regisseurs), als Kind jüdischer Eltern 1937 in Leipzig geboren und dort lebend, flieht in den Westen, weil sie sich dort ein freieres Leben erhofft. Aber rasch gerät sie mit der spießigen, kleinbürgerlichen Situation in Konflikt, beginnt zu klauen, wird erwischt und verurteilt. Aus dem Knast entlassen, versucht sie, sich neu und besser zu orientieren. Als Vertreterin einer Plattenfirma schwatzt sie Kunden überflüssiges Zeug auf, fälscht Aufträge, lässt sich auf eine Liebschaft mit ihrem verheirateten Chef ein, lebt über ihre Verhältnisse. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss: Der Chef zeigt sie an, wieder muss sie eine Zeitlang ins Gefängnis. Danach beginnt sie ein Studium, stürzt sich in eine Verbindung mit einem verheirateten Beamten. Und natürlich findet sie auch da nicht, was sie sucht. Und so kann der Abschied von gestern, von der Vergangenheit, nicht das werden, was er sein soll: ein Neubeginn, eine Zukunft. 

Als der Film 1966 erstmals in die Kinos kam, grenzte das schon fast an einen Skandal – deckte er doch schonungslos all das verkrampfte, verspießerte Getue auf, das die Gesellschaft seinerzeit dominierte. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, wie eng der Horizont war, in dem sich das Leben abspielte. Kein Wunder, dass er als Klassiker des "Neuen Deutschen Films" gilt und bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig 1966 den Silbernen Löwen gewann sowie in der Folge zahlreiche weitere Auszeichnungen. 

Wer verstehen möchte, warum die Jugend 1968 die großen Proteste lostrat, wer eine Ahnung davon bekommen will, wie sich der Muff von 1000 Jahren nicht nur unter den Talaren zeigte, sondern gleichermaßen in jedem deutschen Wohnzimmer, in jeder deutschen Familie, der schaue sich dringend diesen Film an. Er ist ein zeitloses Dokument einer unschönen Zeit, in der die früheren Nazis – von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert – in alten Pfründen des gesellschaftichen Lebens fröhliche Urständ' feierten. 

 

Erstellt am