Ein Mann liegt bäuchlings in einer Wiese. Schlafend. Er erwacht und erhebt sich langsam von seiner Unterlage. Die ist, erst da erkennt man es, der Rumpf eines Pferdes. Auch das Pferd erwacht. Beide gehen weg, ein Hund folgt. Schnitt. Drei Männer reiten in wildem Galopp über flaches Land, anhand ihrer Kleidung und ihrer Sättel als eine Art Cowboys erkennbar. An ihrem Aussehen und ihrer Kleidung wird jedoch klar, dass wir nicht in der Prairie Nordamerikas sind, sondern im Süden, in Argentinien, wo die Gauchos, nomadische Viehhütergemeinschaften im Nordwesten des Landes, an der Grenze zu Chile und Bolivien, eine lange Tradition haben.
Es sind stolze Männer, der Natur tief verbunden, mit einer eigenen Spiritualität, mit über Jahrhunderte geschärften Sinnen für ihre Tiere, den Kosmos und seine Launen. Menschen, die der allgemeinen Technisierung unserer Welt trotzen. Die aber auch ihre ganz eigenen Regeln haben. Dazu gehört, dass Gauchos eine Männerdomäne sind. Der Titel des Films, der seit heute in den Kinos ist, kommt nicht von ungefähr: Mit „Gaucho Gaucho“ werden Männer bezeichnet, die sich strikt nach den Traditionen richten und den historisch geformten Ehrenkodex der Gemeinschaft aufrechterhalten.
Entsprechend revolutionär ist es, wenn hier eine junge Frau, die 17-jährige Guada, sich entschließt, Gaucha zu werden. Schon in der Schule setzt sie ein Zeichen und verweigert die dort verordnete Uniform – sie trägt lieber Gaucho-Kleidung: weite dunkle Hose, weißes Hemd, Wollponcho, breitkrempiger Hut. Und wird damit natürlich zur Außenseiterin, die sich erst einmal mit viel Mut und Beharrlichkeit durchkämpfen muss, um ihr Ziel zu erreichen. Der Film erzählt aber auch die Geschichte des Gauchos Salano und seinem kleinen Sohn Jony, dem er all das beibringt, was ein Gaucho können muss. Und er lässt den 84-jährigen Gaucho Lelo von seinen Erfahrungen und Erlebnissen berichten.
Von Beginn an wird klar, dass das hier kein schwülstiger Retro-Film ist, der seufzend die Vergangenheit beschwört. Es ist vielmehr ein Weckruf an unsere Gesellschaft heute, sich auf Werte zu besinnen, die in Vergessenheit geraten sind. Auf Werte wie Gemeinschaft, Solidarität, Respekt vor der Natur und anderen Menschen. „Gaucho Gaucho“ – das ist ein ungemein einfühlsamer Film, der, gerade weil er in Schwarz-Weiß gedreht ist, sofort mitten ins Herz trifft, nicht zuletzt aufgrund der großartigen Regie und Kameraführung von Michael Dweck und Gregory Kershaw. Er ist eine Huldigung an die Ureinwohner Südamerikas, die gegen die Conquistadores, die spanischen Kolonialherren, rebelliert haben – erfolglos. Und doch sind ihre Nachfahren noch am Leben, besinnen sich auf ihre Traditionen und Werte. Ähnlich wie die indigenen Völker auf anderen Kontinenten kämpfen sie jedoch mit den Folgen der Zivilisation, mit der Einschränkung ihres Lebensraums, mit Dürren und Überschwemmungen, mit Staubstürmen und extremen Temperaturschwankungen.
„Wir erzählen von ikonischen Gauchos, die jenseits der Grenzen des modernen Universums leben und sich mit der Brüchigkeit ihrer Welt angesichts eines beispiellosen Wandels auseinandersetzen“, sagt Michael Dweck. „Die Geschichten folgen dem Leben von Männern und Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Fähigkeit, die all in ihrem Kampf um Freiheit miteinander verbunden sind.“ Und Gregory Kershaw ergänzt: „Es geht darum, ein Bild zu kreieren, das ein Gefühl vermittelt.“
Das ist den beiden und ihrem argentinischen Team auf großartige Weise gelungen – dieser Film bleibt im Gedächtnis, lässt nachdenklich werden und öffnet das Bewusstsein für den Wert der Traditionen. „Wenn man Zeit in dieser Gemeinschaft verbringt“, sagt Michael Dweck, „erkennt man, dass wir in der modernen Welt so viel verloren haben, und zwar so langsam und schrittweise, dass wir gar nicht merken, was uns fehlt.“ Dieser Film trägt dazu bei, dass wir uns dessen wieder mehr bewusst werden und Konsequenzen daraus ziehen.
Nicht ohne Grund hat er bereits einige wichtige Auszeichnungen eingeheimst, u.a. den U.S. Documentary Special Jury Award beim Sundance Film Festival 2024, den Letterbord Piazza Grande Award beim Locarno Film Festical 2024 und den ASC Award 2025 der American Society of Cinematographers.
Gaucho Gaucho
Regie und Kamera: Michael Dweck, Gregory Kershaw
Schnitt: Gabriel Rhodes
Produktion: Beautiful Stories Productions